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Dr. Ernst Pieper – Eine Erinnerung, die Kraft gibt

Dr. Ernst Pieper – Eine Erinnerung, die Kraft gibt

Von in Aktuelles am 15. Dezember 2020


BHB-Präsident 1979-1986: Ernst Pieper (Foto: privat)

Die aktuellen Zeiten sind wahrlich nicht einfach. Prof. Dr. h. c. Gerd Biegel, BHB-Mitglied und Gründungsdirektor des TU-Instituts für Braunschweigische Regionalgeschichte, erinnert im Folgenden an Dr.-Ing. E. h. Ernst Pieper (1928-1995) – einen Mann, der mit seinem Wirken auch heute Kraft und Zuversicht geben kann:


Er war Präsident des Braunschweigischen Hochschulbundes und sein vielfältiges Engagement wurde gewürdigt durch die Ernennung zum Ehrensenator sowie zum Ehrendoktor der Technischen Universität Braunschweig. Derjenige, an den ich in angemessener Kürze erinnern möchte, ist Dr.-Ing. E. h. Ernst Pieper, der vor 25 Jahren, am 5. Februar 1995, verstorben ist.

Am 20. Dezember 1928 wurde Ernst Pieper in Gerolstein in der Eifel geboren. Nach einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium von 1950 bis 1953 in Köln und Bonn und einer kurzen universitären Assistenzzeit an der Universität Köln erfolgte 1954 der Wechsel in die Wirtschaft. Bis 1961 arbeitete er bei den Klöckner Werken, u.a. als Leiter der Steuerabteilung. Eine neue wichtige Arbeitsphase für Ernst Pieper begann 1962, als er in den Staatsdienst wechselte. Zunächst war er Konzernreferent im Bundesamt für gewerbliche Wirtschaft, Vorgänger des heutigen Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Es war nur eine kurze Übergangsphase. Schon 1964 wechselte der anerkannte Industrieexperte zum Bundeswirtschaftsministerium, wo Ernst Pieper zu den kontinuierlich tätigen Spitzen-Beamten unter den Ministern Kurt Schmücker (CDU), Karl Schiller und Helmut Schmidt (SPD) bis Hans Friedrichs (FDP) gehörte, zuletzt als Leiter der Unterabteilung für Investitionsgüterwirtschaft, Chemie und industrielle Bundesbeteiligungen. Auf Wunsch von Bundeskanzler Helmut Schmidt wechselte er im März 1974 in das Bundesfinanzministerium als Ministerialdirektor und Leiter der Abteilung VIII, Industrielles Bundesvermögen.

Als die Frage anstand, die bundeseigene Salzgitter AG wirtschaftlich vor dem Ruin zu retten, wurde Pieper 1977 in den Vorstand berufen und in der Nachfolge von Hans Birnbaum 1979 Vorstandsvorsitzender der Salzgitter AG. Damit übernahm Pieper einen der damals größten Stahl- und Schiffsbaukonzerne der Bundesrepublik. Bedeutsam dabei war der Osthandel, denn die Salzgitter AG zählte zu den Großlieferanten im Ostblock. In einem Interview unterstrich er die guten Wirtschaftsbeziehungen (25 Prozent des Auslandsgeschäfts entfielen auf Osteuropa) und meinte zu den politischen Konflikten in Zeiten des Kalten Krieges: »Wenn die Politiker nicht mehr miteinander reden, wie das im Augenblick der Fall ist, dann ist das eigentlich mehr deren Problem und deren Fehler. Die Telephone sind ja mal installiert worden, damit die Politiker gerade in Krisenzeiten miteinander reden.« und hob hervor »Wenn wir die häufigen Klimawechsel, die es in der Politik gibt, mitmachen würden, dann könnten wir fast mit der ganzen Welt keine Geschäftsbeziehungen mehr pflegen. Unser Geschäft muß sich langfristig entwickeln, und es muß langfristig gepflegt werden«. Und Ernst Pieper konnte »pflegen«. Trotz aller Widrigkeiten erreichte er in den 1980er Jahren durch gezielte Sanierung und technologische Erneuerung eine tragfähige Zukunftsperspektive für die Salzgitter AG, vor allem bei der indirekten Transformation eines Staatskonzerns hin zu mehr Unabhängigkeit und wesentlicher privatwirtschaftlicher Ausrichtung. Dazu diente ihm die deutliche Stärkung der Kernkompetenzen Stahl und Schiffbau sowie der Ausbau auf wichtigen Feldern von Zukunftstechnologien, wie etwa der Umwelttechnologie sowie Informations- und Kommunikationstechnik. Damit gelang Ernst Pieper die massive Strukturkrise zu bewältigen und einen erfolgreichen Konsolidierungskurs zu erreichen. Zwar gelangen nicht alle Pläne, vor allem aufgrund unerfreulicher staatlicher Einsprüche. Ganz entscheidend bereitete Ernst Pieper den Weg zur damals größten deutschen Industriefusion, der von Salzgitter AG und Preussag AG. Erfolgreich führte er auch den neuen Preussag-Konzern mit nun privatisierter Salzgitter AG. Es wurde der zweitgrößte Industriekonzern in Niedersachsen. Es war eine große Leistung, die allgemeine (Großes Bundesverdienstkreuz 1982; Niedersächsische Landesmedaille und Großes Niedersächsisches Verdienstkreuz 1991), aber auch ganz spezifische Anerkennung fand, so etwa am 17. Oktober 1992 mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Fakultät für Maschinenbau und Elektrotechnik der Technischen Universität Carolo-Wilhelmina. Besondere Bedeutung hatte für Ernst Pieper zu allen Zeiten auch die Verbindung von Wirtschaft und Wissenschaft. Anwendungsorientierung der Wissenschaft und Wissenschaftstransfer mit Wirtschaftsförderung, darin sah er die Zukunft innovativer Wirtschaft und Industrie, aber auch Forschung.

Dies zeigte sich beispielhaft beim Wirken von Ernst Pieper für die Wissenschaftsregionen in Niedersachsen, ganz besonders für die Forschungsregion Braunschweig. Eng verbunden war er nicht zuletzt mit der Technischen Universität Carolo Wilhelmina zu Braunschweig, wie er in seiner Dankesrede 1992 ausdrücklich betonte: »In der Zeit des Aufbruchs und Umbruchs der grundlegenden technischen Neuorientierung des Konzerns hat die enge Verbindung zu vielen Instituten der Technischen Universität Braunschweig eine bedeutsame Rolle gespielt. Ohne die ständige, intensive Zusammenarbeit zwischen der Technischen Universität und dem Konzern hätten wir diese industrielle Performance nicht erreichen können. Durch dieses Miteinander haben einerseits unsere Techniker wertvolle Befruchtungen erhalten, andererseits hat dieses Miteinander dazu beigetragen, daß es für die Universität, unter anderem auch durch diese Verbindungen, die notwendigen Rückkopplungen zur Praxis gab«.

Diese Überzeugungen vertrat Ernst Pieper auch durch persönliches Engagement, so etwa als Präsident des Braunschweigischen Hochschulbundes in den Jahren 1979 bis 1986. Groß war damals sein Einsatz für Stipendien für Studierende, Weiterentwicklungsinitiativen für ein Wirtschaftsnetzwerk nach Osteuropa, maßgebend auch sein Einsatz für die Gründung des Instituts für Mikrotechnik. Dieser Einsatz wurde mit der Würde eines Ehrensenator der TU Braunschweig anerkannt. Vielfältige Aktivitäten und Initiativen, Ehrenämter und zahlreiche weitere Positionen in Industrie und Wirtschaft, Netzwerke zur Öffnung nach Osteuropa und Asien können hier nicht weiter betrachtet werden. Doch diese beruflichen Aspekte waren das eine, zuletzt sollen noch einige Aspekte persönlichen Engagements und humanitären Denkens und Handelns erwähnt werden, denn auch diese sprechen deutlich für die Persönlichkeit von Ernst Pieper. Engagiert war er, für einen Wirtschaftsmanager eher ungewöhnlich damals, gegen Ausländerfeindlichkeit, für das Erinnern an die Schrecken von Holocaust und Nationalsozialismus und den aktiven Kampf gegen Antisemitismus. Besonders intensiv waren vor diesem Hintergrund die Beziehungen von Ernst Pieper und seiner Ehefrau Marianne nach Israel, woraus nach seinem Tod das »Internationale Marianne und Dr. Ernst Pieper-Forum gegen Rassismus und Antisemitismus« an der Universität Tel Aviv erwuchs, das an die Bemühungen des Ehepaares für die deutsch-jüdische Aussöhnung erinnert. Geleitet war Ernst Pieper von einem noch heute aktuellen Werteverständnis, das von Humanität und nicht einzig Ökonomie bestimmt war. Dazu passen seine mäzenatischen Aktivitäten für Kunst und Kultur in der Region ebenso wie der helfende Einsatz bei der Städtepartnerschaft Braunschweig und Magdeburg. Trotz aller historischen Beziehungen war es 1987 ein schwieriger Weg bis die Oberbürgermeister Werner Herzig (Magdeburg) und Gerhard Glogowski (Braunschweig) die Partnerschaftsvereinbarung unterzeichnen konnten. Von höherer Stelle war für Magdeburg offenbar Dortmund als Partnerstadt vorgesehen. Hier konnte zugunsten von Braunschweig Ernst Pieper mit seinem Netzwerk im Osten und den Kontakten zu Günter Mittag, als dem im Politbüro für Wirtschaftsfragen Zuständigen, ein Umdenken erreichen und noch vor dem Fall der Mauer wurde diese nachhaltige Städtepartnerschaft geschlossen.

Mit Ernst Pieper haben wir erinnert an eine unserer Universität und dem Braunschweigischen Hochschulbund eng verbundene Persönlichkeit, einen Kosmopoliten und innovativ denkenden und handelnden Realisten. An diese Eigenschaft erinnerte zu seiner Verabschiedung aus dem Beruf 1994 der damalige Präsident der Deutschen Bundesbank, Dr. Hans Tietmeyer, in Anlehnung an Aesops Fabel von den Fröschen:

Drei Frösche fallen in einen Topf Milch. Der Pessimist ertrank, 

weil er glaubte, alles sei letztlich doch vergebens. Der Optimist ertrank, 

weil er glaubte, alles würde sich von selbst richten. Der Realist

erkannte die schwierige Lage, aber er überlebte und gewann gar hinzu. 

Er strampelte so lange, bis aus der Milch Butter geworden war.

In unseren eigenartigen Zeiten fehlt es vielen Menschen zunehmend an Hoffnung und Überzeugung. Sie könnten von Ernst Pieper noch viel lernen und wieder Zuversicht und Kraft gewinnen.

Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel